Interview mit Astrid Kirchherr: Der Beatles-Humor war sensationell

Meine Freunde und ich haben uns gegenseitig sehr stark beeinflusst,
Astrid Kirchherr

Wie war es, als du die Beatles zum ersten Mal gesehen hast?
Astrid Kirchherr: Das war für mich ein ganz einschneidendes Erlebnis, das es mein Leben völlig verändert hat. Das hat mich wirklich umgehauen. Ich wollte immer Porträtfotografin werden. Keine normalen Fotos, ich hatte ganz bestimmte Vorstellungen. Auch von den Menschen, die ich fotografieren wollte. Und als ich Elvis und Bill Haley hörte, von den Halbstarken las und sie auf Fotos gesehen habe, war das mein Ding. Und dann komme ich da rein in den Kaiserkeller und sehe gleich fünf von ihnen.

Kurze Zeit später hast du John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Pete Best und Stuart Sutcliffe auf dem Dom fotografiert. Waren das die ersten Bilder, die von dir veröffentlicht wurden?

Astrid Kirchherr: Das stimmt. Es war ein gutes Gefühl, weil ich die Fotos auch gut fand.

Wie sind die Bilder entstanden?
Astrid Kirchherr: Ich war allein, mein Englisch war eine Katastrophe. Und dann habe ich sie angefasst und gesagt. „So bleibst du jetzt stehen. Den Kopf so gedreht.“ Die haben sich dann nicht gerührt.

Warst du die Muse des Ganzen?
Astrid Kirchherr: Ach, Muse ist übertrieben. Ich war ihre Freundin, der sie vertraut haben. Ob das jetzt John war oder Stuart, mein Freund. Wir haben uns gegenseitig beeinflusst. Sehr stark. Ich habe von ihnen sehr viel gelernt. Was ihre „Braveness“ betraf, ihre Tapferkeit, schwierige Situationen durchzustehen und mit dem Leben fertig zu werden.

Deine Fotos fehlen in keiner Beatles-Biografie. Was hat es mit deinem Bildband „When We Was Fab“ auf sich?
Astrid Kirchherr: Eigentlich heißt es mein letztes Buch, es wird im Juli erscheinen. Es sind meine Lieblingsfotos, mit einigen bislang unveröffentlichten Bildern darunter. Ich durfte das Layout mitgestalten und denke mir, dass es sehr schön werden wird. Gewidmet ist es meinem Freund George Harrison, seine Frau Olivia wird das Vorwort schreiben.

Sind das Bilder aus den Sechzigern?
Astrid Kirchherr: Ja, denn schon 1964 oder 65 habe ich vollkommen aufgehört. Ich war zwar immer noch Assistentin bei Fotografen wie Reinhart Wolf oder Werner Bokelberg. Aber selbst habe ich nichts mehr fotografiert.

Wann hast du mit dem 2003 verstorbenen Max Scheler zusammengearbeitet?
Astrid Kirchherr: In den Sechzigern war Max einer der wichtigsten Fotografen. Er hat zum Beispiel die erste Herztransplantation fotografiert. Und er hat über vier Wochen mit dem Patienten in Quarantäne verbracht. Er war beim Stern, wurde später Chefredakteur von GEO. Mit ihm zusammen war ich 1964 bei den Dreharbeiten zu „A Hard Day’s Night“.

Wie kam es dazu?
Astrid Kirchherr: Der Beatles-Manager Brian Epstein hatte keine Fotografen zugelassen. Ich habe George dann angerufen, weil der Stern fragte, ob ich für Max quasi als „door opener“ fungieren könnte bei den Beatles. George sagte: „Ich rede mit den anderen. Von mir aus ist das in Ordnung, wenn ihr kommt und fotografiert. Aber nur, wenn sie dich bezahlen. Sonst können sie zu Hause bleiben.“ Max hat mir dann eine Kleinbildkamera in die Hand gedrückt – womit ich noch nie fotografiert hatte. Und da sind ein paar ganz schöne Sachen herausgekommen. Besonders die Kinderfotos in Liverpool. Einige sehen wirklich aus, wie aus einem Charles Dickens Roman.

Wie wichtig waren George Harrison seine Freunde?
Astrid Kirchherr: Sehr wichtig. Er hat mein ganzes Leben auf mich aufgepasst. Immer wenn ich wirklich mal in dollen Schwierigkeiten war, brauchte ich ihn nur anzurufen. Und er war dann da.

Wie war die Beatlemania in London?
Astrid Kirchherr: Als sie auf ihrem Höhepunkt waren, da haben sie mir leid getan. Es war nicht so wie heute, wo der Gewinner der RTL-Superstars mit 20 Bodyguards herumläuft. Sie hatten einen Roadmanager, mehr nicht. Und konnten nicht aus der Tür. Ich wohnte bei Ringo und George, die eine Wohnung in der Green Street hatten, da standen Tag und Nacht immer mindestens 50 Mädchen. Da war niemand, der sie beschützt hätte. Wir haben den Briefkasten von innen verklebt, weil die Fans durch den Briefschlitz in die Wohnung riefen.

Ihre Privatsphäre wurde nicht respektiert?
Astrid Kirchherr: Überhaupt nicht. Das ist ja heute noch genauso.

Wie war der innere Zusammenhalt der Beatles. Waren sie so witzig wie in ihren Filmen?
Astrid Kirchherr: Meines Erachtens ist das eines der Geheimnisse ihres riesengroßen Erfolges. Dass sie sich alle wirklich sehr geliebt haben. Ihr Humor war sensationell. Weil er bei jedem von ihnen anders war. John sehr scharf, sehr intelligent. Stuart genau das gleiche. George hat irrsinnigen Humor gehabt. Aber auf die leise Art und Weise. Paul genauso. Und sie konnten über sich selbst lachen.

Half ihnen ihr Humor, mit den Leuten auf St. Pauli zurecht zu kommen?
Astrid Kirchherr: Alle Leute, die auf der Reeperbahn arbeiteten, die Kellner oder andere Angestellte, die fanden sie alle toll. Weil sie so witzig waren und so lieb. Tante Rosa, die Klofrau des Top Ten hat Paul mal ihr Hausboot geliehen, damit er dort mit seiner damaligen Freundin wohnen konnte. Und nebenbei hat sie dann noch gemütlich Preludin für eine Mark pro Pille verkauft. Die war damals schon alt und hatte so eine Kittelschürze an. Das hättest du nie gedacht, dass die auch noch mit Aufputschmitteln dealt.

Hattest du Probleme mit den Rockern auf dem Kiez?
Astrid Kirchherr: Wir waren Exis, Existentialisten, und die Reeperbahn, war nun gar nicht unser Revier. Da wir aber mit den Beatles befreundet waren, die, wenn sie Pause hatten, immer bei uns saßen, fanden uns die Rocker auch sehr interessant. Und waren nicht mehr so aggressiv uns gegenüber. Ein paar waren dabei, die waren richtig lieb und nett. Die haben dann auch gemerkt, dass wir auch nicht von einem anderen Stern sind, sondern dass man mit uns reden und lachen kann.

Welche Möglichkeiten hast du, in Ruhe mit Paul McCartney zu reden, wenn er während seiner Tour in Hamburg gastiert?
Astrid Kirchherr: Normalerweise ruft er an und sagt. „Du, ich bin dann und dann da. Ich lass dich abholen!“ Dann werde ich abgeholt, dahingefahren zum Konzert, in seine Garderobe gebracht. Und dann setzen wir uns hin, trinken Tee und schnacken zusammen.

Würde Sir Paul dann inkognito durch St. Pauli laufen?
Astrid Kirchherr: Schon möglich, George hat das jedenfalls gemacht. Der ist dann zum Kaiserkeller gegangen und war hinterher ganz aufgeregt: „Da hängt so eine Eisenplakette. Und da stehen wir drauf.“

Die Frage nach der Pilzkopf-Frisur ersparen wir dir. Was war aber mit den Beatles-Stiefeln?
Astrid Kirchherr: Ich habe immer Ballett-Schuhe getragen – die habe ich mir immer bei Anello & Davide in London besorgt. Als ich mit Stuart da war hingen dort spanische Flamenco-Tänzer-Schuhe. Er hat die gekauft, weil sie Absätze hatten und er dann größer wirkte. Die hatten einen Gummizug, damit die Flamenco-Tänzer nicht umknicken konnten. Und Absätze, um diesen Klang zu kreieren, wenn sie mit den Hacken auf den Holzfußboden auftreten. So entstanden die so genannten Beatles-Stiefel.

Viele heutige Bands beziehen sich viele auf die Fab Four, am stärksten Oasis. Wie findest du die?
Astrid Kirchherr: Die hasse ich wie die Pest. Der Sänger muss sich wochenlang John-Lennon-Videos angeguckt haben. Der kopiert John bis aufs I-Tüpfelchen, seine Mundbewegungen und wie er den Kopf hält. Die haben keinen Stil. Furchtbar. Ich kann auch ihre Art nicht ertragen. Dieses aggressiv-dümliche.

Oasis sind Fußball-Fans. Kannst du mit dem FC St. Pauli oder Fußball im Allgemeinen etwas anfangen?
Astrid Kirchherr: Das hat mich überhaupt nicht interessiert.

Und die Beatles?
Astrid Kirchherr: (lange Pause). Ringo, glaube ich, aber das kann ich nicht beschwören.
Interview Matthias Greulich

Das Interview wurde in 1/4NACH5 im Mai 2003 veröffentlicht.

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