Es muss live sein

Ein Hamburger Unternehmen veranstaltet Musikfestivals in sieben Ländern: Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer von FKP Scorpio, erklärt den Boom. Von Matthias Greulich

Es war noch keine Zeit, den Preis als „Veranstalter des Jahes“ in die Vitrine zu stellen oder die Bilderrahmen an die Wand zu hängen. Stephan Thanscheidt, Holzfällerhemd, Turnschuhe und Dreitagebart, stellt die Rahmen zur Seite und entschuldigt sich. „Wir haben uns erst kürzlich auf dieses Stockwerk erweitert“, sagt der 39-Jährige, der seit 2013 einer der Geschäftsführer von FKP Scorpio ist.

Sein neues Büro in der Großen Elbstraße bietet einen spektakulären Elbblick, den der ehemalige Ottenser, der nun in einem Vorort lebt, nach wie vor zu schätzen weiß. „Wir alle lieben Hamburg und wollen hier nicht weg“, sagt Thanscheidt über die Stadt, die zuletzt soviele Jobs in der Musikbranche an Berlin verloren hat.

Der Veranstalter aus Altona steht wie das Reeperbahn Festival mit seinem kürzlich gestarteten Ableger in New York für eine beachtliche Internationalisierung, die von der Elbe ausgeht. FKP Scorpio veranstaltet mittlerweile große Musikfestivals in sieben Ländern, zu denen Östereich, die Schweiz, aber auch die Niederlande und drei skandinavische Länder zählen.

„Die Lust auf das Livererlebnis hat stark zugenommen“, so Thanscheidt, der die Bands für die großen Festivals wie das „Hurricane“ in Scheeßel selber bucht. Auf die richtige Mischung aus bekannten Stars und interessanten Bands komme es beim „Booking“ an, sagt Thanscheidt, der mit den Anglizismen, die vielen in der Branche leicht von der Zunge gehen, anonsten sehr sparsam umgeht. Das mag damit zusammenhängen, dass er während seines Politik- und Soziologiestudiums in Münster nebenbei für eine Musikzeitschrift in Dortmund Texte geschrieben hat.

Musikalisch war er zuvor mit Punkrock sozialisiert worden und wurde dabei eher nebenbei zum Veranstaltungsexperten. „Ich habe Konzerte für meine Band gebucht.“ Bei der Zeitschrift „Visions“ machte Thanscheidt nach seinem Studienabschluss Karriere. Als Leiter des Eventbereichs war Folkert Koopmans, der damals mit FKP Scorpio in einer Stadtvilla in Eimsbüttel saß, ein wichtiger Kooperationspartner für Thanscheidt. Nach einiger Zeit bot ihm Koopmans die Leitung der Abteilung für das Festivalbooking in Hamburg an. Thanscheidt sagte zu und wechselte an die Elbe.

Er war dabei, als das Unternehmen innerhalb kurzer Zeit kräftig wuchs und inzwischen 250 Mitarbeiter beschäftigt. Den schweren LEA Award als „Veranstalter des Jahres“ bekam FKP Scorpio auf der Preisverleihung im April in der Frankfurter Festhalle allerdings nicht nur für beeindruckende „220 Tourneen mit 1.000 Konzerten allein in Deutschland und mehr als 20 Festival-Formaten in der Bundesrepublik und Europa“ sondern auch für neue Veranstaltungskonzepte.

Stephan Thanscheidt www.fkpscorpio.com

Dazu zählt das Festival „A Summer’s Tale“, das  vom 2. bis 5. August in Luhmühlen Musikfans anspricht,  die dem riesigen Hurricane langsam entwachsen sind und es inzwischen komfortabler, abwechs- lungsreicher und familienfreundlicher mögen, ohne auf Konzerte verzichten zu wollen. 
In diesem Sommer werden unter anderem die Pixies, PJ Harvey, Feist und Franz Ferdinand auf der großen Bühne erwartet, die neben der Tribüne des Turniers der Vielseitigkeitsreiter aufgebaut wird. Neben den Konzerten gibt es Lesungen und Poetry Slams, aber auch Kanufahren und Yogaworkshops. „Das Musikprogramm macht dabei 50 Prozent aus, es ist insgesamt ein recht komplexes Konstrukt geworden“, sagt Thanscheidt.

Die Ansprüche an Verpflegung, Sicherheit und Komfort sind aber nicht nur bei der anspruchsvolleren Kundschaft des „A Summer’s Tale“ gewachsen. „Diesen Trend beobachten wir auch auf anderen Festivals schon länger.“

Momentan laufen die planungsintensiven Wochen, bevor die Festivals im Sommer beginnen. Eine Phase, die für Stephan Thanscheidt und sein Team zu den anstrengenderen des Jahres zählen. Ob die Bilderrahmen im Büro am Altonaer Fischmarkt in nächster Zeit an die Wand gehängt werden, ist also noch ungewiss.

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