Osdorfer Born: Wo das Leben tobt

Bürgerzentrum, Jugendzirkus und Kindermuseum: In der Großsiedlung Osdorfer Born gibt es eine lebendige Stadtteilkultur. Von Matthias Greulich

Auf dem Hochhaus sitzen zwei Teenager und rauchen. Der Rauch ihrer Zigaretten zieht langsam in Richtung der grünen Felder des Naturschutzgebietes Osdorfer Feldmark. „Wir chillen ein bisschen“, sagt die eine. Erst als wir näher an die Balkonbrüstung gehen, sehen wir unter uns große Wohnblocks und andere Hochhäuser.

Wir sind 66 Meter hoch, im 21. Stock des bei seiner Einweihung 1968 höchsten Wohnhauses Hamburgs. Im Osdorfer Born, der Großsiedlung, die zwischen 1967 und 1971 in direkter Nachbarschaft zum dörflichen Alt-Osdorf und den noblen Elbvororten gebaut wurde. Direkt unter uns ein niedriges, gezacktes Dach: das Gemeindezentrum. Dort hat Willy Brandt im Oktober 1973 zu den Bewohnern gesprochen. Der damalige Bundeskanzler begleitete SPD-Bürgermeister Peter Schulz im Bürgerschaftswahlkampf.

Brandt ließ sich die Umsetzung der sozialdemokratischen Utopie in Plattenbauweise zeigen, die damals in der Realität zu scheitern drohte. „Wegen der vielen jungen Familien platzte die Siedlung aus allen Nähten. Es fehlte an Kindergartenplätzen und Spielmöglichkeiten. Und es gab Diskriminierungen, als einigen Bornern in Banken in Othmarschen die Eröffnung eines Kontos versagt wurde“, erinnert sich Dietrich Ellger, 78, ehemaliger SPD-Bürgerschaftsabgeordneter und damals in der Kirchengemeinde aktiv.

SPD-Bundeskanzler Willy Brandt (l.) besuchte 1973 den Osdorfer Born. Schon damals wurde den Bürgern der Bau einer U-Bahn versprochen. (Foto: J.H. Darchinger / Archiv Schümann)

Weil die Gemeinde längst nicht mehr so viele Mitglieder zählt wie zu Zeiten des Brandt-Besuches, ist in eine Hälfte des Gemeindezentrums im Mai 2004 das Kindermuseum „KL!CK“ eingezogen. Aus ganz Norddeutschland kommen seitdem Gruppen von Kindern ab drei Jahren in die größte Sehenswürdigkeit Osdorfs, um spielerisch etwas über ihre Umwelt zu lernen. Museumsleiterin Margot Reinig als engagiert zu beschreiben, wäre eine freche Untertreibung. Sie lässt in ihrer Begeisterung so lange nicht locker, bis auch der erwachsene Besucher mit seinen Händen einen Ton in der Klangschale erzeugt hat, der die Schallwellen im Wasser sichtbar macht.

Ähnlich beharrlich hat sie das Museum im Stadtteil etabliert. „Zwei Jahre hat es gedauert, aber inzwischen kennen uns alle Bewohner“, sagt Reinig. Die Pädagogin hat gute Verbindungen zu den benachbarten Kitas, Schulen und der Bücherhalle. Die Kinder im Born seien „wild und gefährlich“, sagt Reinig und lacht. „Es macht viel Spaß mit ihnen.“ Durch eine Förderung des Bezirksamtes Altona zahlen sie niedrigere Eintrittspreise und in den Ferien gar nichts. Die, so Reinig, hervorragend vernetzten Mütter im Stadtteil bringen ihre Kinder gerne hierher. Einige von ihnen klönen beim Kaffee in der Cafeteria, während nebenan Kinder der Stadtteilschule mit Teigrollern in der Dennis von Salis, 35, ist vor gut drei Jahren nach Osdorf gezogen, nachdem er schon länger im Stadtteil gearbeitet hat. Er ist Zirkuspädagoge im Kinder- und Jugendzirkus „Abrax Kadabrax“, der sein Zelt Mitte 2010 im Born aufgeschlagen hat. In einem der beiden historischen Zirkuswagen hat er sein Büro, im anderen diskutieren gerade Jugendliche, wie sie den nächs- ten Auftritt gestalten wollen. Von Salis gibt Zirkuskurse, auch in Inklusionsprojekten, in den umliegenden Schulen: „Der Ton ist etwas rauer, die Begeisterung für Zirkus aber dieselbe wie in anderen Stadtteilen“, sagt er.

Im großen Zirkuszelt probt eine Gruppe von Sechs- bis Zehnjährigen für einen Auftritt. Sie springen auf große Gummibälle, auf denen sie mühelos balancieren können. Ein Mädchen hat einen blauen Filzhut aufgesetzt und begrüßt „das liebe Publikum“.

Maria Meier-Hjertqvist treffen wir gleich nebenan im Bürgerzentrum, für das die Bewohner mehr als zehn Jahre gekämpft haben. Die Sprecherin der Borner Runde zeigt uns die modernen Räume mit dem durchgehend roten Fußboden, die im Herbst 2013 eröffnet wurden. „Seitdem tobt hier das Leben“, so Meier-Hjertqvist. Der Saal für Familienfeiern ist ausgebucht. Die Bewohner haben endlich einen Treffpunkt bekommen, nachdem selbst die Vereinsgaststätte des SV Osdorfer Born aus Kostengründen seit Jahren nicht mehr bewirtschaftet wird. Eine Gruppe Ehrenamtlicher kümmert sich um ein regelmäßiges Kulturprogramm.

Meier-Hjertqvist kam 1978 von Eimsbüttel nach Osdorf: „Der Born ist ein großes Dorf, wo man aufeinander acht gibt.“ Sie schätzt, dass in einem Drittel der Wohnungen noch Mieter aus Erstbezug leben. In letzter Zeit sind wieder mehr junge Familien in die großen Wohnungen eingezogen, deren Mieten vergleichsweise günstig sind.

Dauerthema in der Borner Runde, die sich einmal im Monat trifft, ist die schlechte HVV-Anbindung: Für 15.000 Menschen gibt es drei Bushaltestellen, die von vier Buslinien bedient werden. Am Wochen- ende fährt der letzte Metrobus 3 um 22.30 Uhr in Richtung Rathausmarkt. Die U-Bahn-Pläne des Senats zum Osdorfer Born wurden 1974 aus Geldmangel beerdigt. Offenbar nicht für immer: Der Senat lässt erstmals seit Jahrzehnten wieder verschiedene Trassen Richtung Osdorf prüfen. Die Borner Runde wird auch diese positive Nachricht für sachliche Vorschläge nutzen. „Wer bei uns pöbelnde Borner erwartet, wird enttäuscht.“ Die engagierten Osdorfer haben vieles, auf das sie stolz sein können. Von dem mit 42 mal 13 Meter größten Graffiti der Welt, das auf die Seitenwand des Hochhauses neben dem Bürgerzentrum gesprüht wurde, ganz zu schweigen.

Zahlen
84,3
Quadratmeter lautet die durchschnittliche Wohnungsgröße in Osdorf. In Hamburg liegt sie bei 75,9. (Zahlen von 2015)

22,7
Prozent der Haushalte in Osdorf bestehen aus
Familien. Hamburgweit sind es 17,8 Prozent.
(Zahlen von 2016)

1983
sollten die ersten U-Bahn-Züge in Richtung Osdorfer Born fahren. Der SPD-Senat hatte den Baubeginn für 1976 vorgesehen, dann aber aus Geldmangel abgeblasen.

209
Bundesligaspiele hat André Trulsen als Fußballprofi für den FC St. Pauli und den 1. FC Köln bestritten. Der
bekannteste Osdorfer ist im Born aufgewachsen und baute sein Eigenheim an der Grenze zur Siedlung in Lurup.

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