Interview mit Elvis Costello: „Jürgen Klopp ist sehr witzig“

Vor einem Auftritt im Weißen Haus wurde er von Präsident Barack Obama mit den Worten begrüßt: „Ihre Frau war schon vor Ihnen hier.“ Seit 2003 ist Elvis Costello mit der kanadischen Jazzmusikerin Diana Krall verheiratet, die ebenfalls bereits vor dem damaligen Präsidenten aufgetreten war. Von Matthias GreulichIm Oktober 2015 erschien Costellos Buch „Unfaithful Music. Mein Leben“, das im Klappentext die Karriere so zusammenfasst: Seine rauen Anfänge lagen zwischen Rock, New Wave und Punk – und schon damals erreichte er ein Millionenpublikum. Mit „She“, aufgenommen für die romantische Komödie „Notting Hill“, rührte er die Herzen aller Liebenden. Über alle Hinwendungen zu so unterschiedlichen Stilrichtungen wie Country, Folk, Motown, Jazz, Ska und Klassik hinweg begeistert Costello seine Fans – und ist dabei in Deutschland gerade mit seinen jüngsten Alben besonders erfolgreich.
In einem Protestsong gegen Margaret Thatcher sang er, er werde auf ihrem Grab stehen und darauf herumtrampeln. Bei seinem legendären Auftritt bei Saturday Night Live stellte er sich der Zensur von Bands wie den Sex Pistols im Radio entgegen. In den 30 Alben, mit denen der Brite seit 1977 Erfolge feiert, erfand sich der eigenwillige Künstler, der auch mit der Hip-Hop-Band The Roots eine Platte machte, immer wieder neu. Mit seiner New-Wave-Band The Attractions und als Solokünstler war Costello schon häufiger in Hamburg. Vor seinem Konzert am 14. März in der Laeiszhalle sprach Matthias Greulich mit dem 62-Jährigen.

Mister Costello, im März geben Sie ein Konzert in der Laeiszhalle. Als sie noch Musikhalle hieß, waren sie schon einige Male dort. Ist es ein guter Ort für Rockmusik?
Elvis Costello: Die Musikhalle ist ein Ort, wo ich schon vor langer Zeit mit den Attractions gespielt habe (1984, Anm. d. Red.). Man weiß, dass man die Halle mit viel Sound füllen, es aber auch sehr intim sein kann. Mein aktuelles Programm „Detour“ hat sich sehr entwickelt, seitdem ich das letzte Mal in Hamburg war.

Was ist neu?
Es gibt einen großen Fernseher hinter mir auf der Bühne. Ich kann Bilder zeigen, die etwas mit den Songs zu tun haben. Das hilft mir, die Geschichte der Songs zu erzählen.
Vor zweieinhalb Jahren sangen Sie beim Konzert in der Großen Freiheit „Veronica“, einen Song, den sie gemeinsam mit Paul McCartney geschrieben haben. Sie freuten sich erkennbar, dort zu sein, wo die Beatles im Kaiserkeller ihre Karriere gestartet hatten.
Wir haben alles von den Legenden gehört, die an diesen Plätzen gespielt haben als junge Kerle. Das ist einer dieser Orte. Man denkt an die Jungs aus Liverpool, die dort waren. Es muss unglaublich gewesen sein, aber man kann nicht sagen, dass es besonders glamourös war. Es ist immer noch nicht sehr glamourös (lacht).

Aber Sie waren als Beatles-Fan nicht aus Nostalgie an anderen Orten, wo die Band war?

Nein. Wenn man auf Tour ist, hat man manchmal Zeit, etwas zu sehen. Ich weiß, welche Orte ich in Hamburg sehen möchte. Das sind nicht unbedingt diese Orte. Ich bin immer gerne nach Hamburg gekommen, seitdem ich das erste Mal dort war. Ich mache gerne Spaziergänge. Wenn ich freie Zeit in Städten habe, gehe ich dort spazieren. Ich gehe wirklich verloren dabei und finde mich irgendwo wieder.

Welche Orte mögen Sie in Hamburg?
Viele. Hängt vom Wetter ab. Es kann ganz schön kalt werden. (lacht) Manchmal kommt man nicht weit. Ich gehe sogar gerne in die Innenstadt an der Alster. Ich gehe in die Kunsthalle, wenn ich Zeit habe. Ich könnte in eine Galerie gehen oder in Geschäften stöbern. Ihr habt immer noch gute Plattengeschäfte in Hamburg. Es gibt nicht mehr viele Orte, wo man gute Sachen bekommt. Vielleicht noch in Amsterdam.

Sie haben lange in Liverpool gelebt. Erinnert Sie etwas an der Elbe an das Mersey-Ufer?
Man kann immer noch sehen, was den Gruppen, die aus Liverpool kamen, die in den frühen Sixties dort waren, bekannt vorgekommen sein muss. Beide Städte haben sich sehr verändert. Ich sehe Ähnlichkeiten, erkenne aber nicht sofort etwas, das nach Liverpool aussieht. Einiges in der Nähe des Hafens ist vertraut für mich, weil mein Vater in der Nähe der Docks aufwuchs. Nur eine halbe Straße, ein paar hundert Meter entfernt.

Als Teenager waren Sie häufig an der Anfield Road, um den FC Liverpool zu sehen. Mögen Sie den deutschen Trainer Jürgen Klopp?

Ja. Ich liebe Jürgen Klopp. Er ist das Beste, was Liverpool in vielen Jahren passiert ist. Er ist sehr witzig. Wenn die Mannschaft schlecht gespielt hat, tut er nicht so, als ob sie nicht schlecht gespielt habe. Ich war beim Spiel an Neujahr im Stadion und habe ihn gesehen. Als Teenager stand ich auf der Kop (Name der legendären Tribüne, Anm. d. Red.). Das waren 27.000 Leute auf Stehplätzen. Und nun sitzen wir alle. Es ist eine etwas andere Atmosphäre. Manchmal ist es ein bisschen wie im Theater. Es ist ziemlich ruhig für Anfield. Und er dreht sich um. Dieser große Kerl winkt mit den Armen, um sicherzugehen, dass die Menge das Team unterstützt. Alle Fußballfans sind kritisch, wenn die Mannschaft nicht gut spielt. Er ist sehr gut darin, eine Verbindung zu den Fans herzustellen. Es ist großartig. Sie können noch nicht mit den anderen Klubs mithalten, die viel mehr Geld einsetzen. Aber es geht in eine bessere Richtung.

Mit Ihrer Familie wohnen Sie zeitweise in New York und im kanadischen Vancouver. Was denken Sie über den neuen US-Präsidenten Donald Trump?

Ich schaue darauf mit einem sehr langen Teleskop, wobei ich durch das falsche Ende hindurch sehe. Ich versuche also darauf mit dem größtmöglichen Abstand zu blicken. Ganz offensichtlich ist es eine Zeit, in der es viel Geschreie, Wut und Schrecken gibt. Es ist eine unerfreuliche und schwierige Situation. So wie vieles ist es eine Kettenreaktion und ein Moment, der vorbei geht. Das ist das Beste, was man darüber sagen kann.

Gibt es einen passenden Song, der Ihnen zur gegenwärtigen politischen Situation in den Sinn kommt, etwa „Power To The People“?
Ich mag „Power To The People“ nicht besonders, um ehrlich zu sein. Ich mag viele John-Lennon-Songs. Da gibt es andere. Mir ist auch „Imagine“ egal. Ich denke es ist ein bisschen konfus. Auf der anderen Seite mag ich „Instant Karma!“. Ich denke das wäre passender.

In Liverpool stimmte die Mehrheit für den Verbleib in der EU. Was denken Sie persönlich über den „Brexit“?
Wieder eine komplizierte Frage. Je nachdem, wen man fragt, bekommt man unterschiedliche Antworten. Es hängt davon ab, in welchem Teil der Gesellschaft man sich befindet und warum man drinnen oder draußen sein möchte. Viele Leute haben berechtigte Fragen, die man stellen kann. Es ist genauso wie bei der Wahl in Amerika. Leute, die sich aufgegeben und ohnmächtig fühlen. Die Hass auf andere Menschen fühlen, die sie nicht kennen. Wo es tiefsitzende Furcht und Ängste gibt. Man kann nur hoffen, dass die meisten Leute am Ende lieber gut als schlecht sind und dass alles am Ende gut ausgeht. Ich selber habe so lange nicht in England gelebt, dass ich kein Nationalist bin. Ich war es auch nie. Wenn überhaupt wäre es Irland. Historisch gesehen war das Heimatland meines Vaters für lange Zeit keine Nation. Ich gehöre dahin, wo es meiner Familie gut geht. Ich bin gerne in Liverpool, ich mag Teile von London, aber ich gehöre nicht dazu. Ich bin glücklich mit meiner Arbeit, die es mir erlaubt zu reisen. Ich verurteile niemanden, der anders lebt. Wenn man in einem Dorf lebt, wo man das andere Dorf nicht sehen kann, ist das in Ordnung.

Ende März werden die Songs, die Sie gemeinsam mit Paul McCartney geschrieben haben, wiederveröffentlicht. Wie wirken die 30 Jahre alten Aufnahmen heute auf Sie?
Schön, dass sie herauskommen. Es sind die ersten Versionen mit akustischen Gitarren drauf und Aufnahmen mit der Band. Einige Songs sind zweimal mit verschiedenen Aufnahmen vertreten. Einige Stücke haben sich in der Produktion der Platte noch einmal radikal verändert. Diese Songs sind sogar drei mal zu hören. In einigen Fällen sind es drei komplett unterschiedliche Songs. Es ist nicht für jeden geeignet, aber es ist genügend Zeit vergangen. Ich danke der Welt für die Zeit, die wir zusammen verbracht haben.

Es sind großartige Songs.
Es gibt einige Versionen von „So Like Candy“, da ist die erste Fassung, als wir es gerade geschrieben hatten besser als die Version, die ich daraus gemacht habe. Wenn man Sinn für Humor hat, hört man, was wir daraus gemacht haben.

Sie waren der einzige, der jemals mit Paul McCartney beim Songschreiben so gearbeitet hat, wie John Lennon. Gibt es die Chance auf eine neue Zusammenarbeit?
Wissen Sie, wir hatten ein Gespräch darüber die Aufnahmen herauszubringen. Paul ist ein viel beschäftigter Mann. Ich sah ihn vor kurzem, als er in Vancouver eine fantastische Show gespielt hat. Letzten Sommer war ich in einem Fußballstadion in Madrid. Normalerweise mag ich diese Art Shows nicht. Aber es war ein Abend großer Freude, all die Spanier die Songs singen zu hören. Es war einfach gigantisch. Ich mag die Tatsache, dass er auch neue Stücke in seiner Show spielt. Das versuche ich auch. Man will nicht ständig an der Vergangenheit hängen. Es ist großartig, sich weiter vorwärts zu bewegen.

Elvis Costello
Dienstag, 14. März, 20 Uhr, Laeiszhalle (großer Saal),
Johannes-Brahms-Platz 1,
Tickets (40 bis 90 Euro)
unter Tel. 0234/947 19 40
oder unter
❱❱ www.lb-events.decostello

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