Hamburg Towers: Der Sozial-Plan für die Bundesliga

Es ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Die neu gegründeten Hamburg Towers spielen mit einer Wildcard in der zweiten Basketball-Bundesliga. Das Besondere: Ex-Nationalspieler Marvin Willoughby und seine Freunde haben den Klub aus einemSozialprojekt in Wilhelmsburg entwickelt.

An einem Sonntagnachmittag im Herbst begriff Marvin Willoughby was passiert war. Die Hamburg Towers spielten ihr erstes Heimspiel in der ausverkauften Inselparkhalle in Wilhelmsburg. „Unsere Jungs rannten da vor 2.000 Zuschauern über den Platz. Da wurde mir klar, dass es jetzt richtig losgeht“, sagt der sportliche Leiter von Hamburgs neuem Profi-Basketball-Team. Es sind kurze Momente, in denen Willoughby noch staunen kann, dass eines der spannendsten Sportprojekte der vergangenen Jahre tatsächlich an den Start geht.

Marvin Willoughby, 36, trägt Sneakers, Jeans und Polohemd. Seine Sprache ähnelt der des Rappers Samy Deluxe, der die Stimme erheben und dabei immer noch cool klingen kann. Beide sind fast gleich alt, kennen sich seit ihrer Jugend und haben bereits einige soziale Projekte gemeinsam auf die Beine gestellt.

Willoughby war Basketball-Nationalspieler, in Würzburg spielte er zusammen mit Dirk Nowitzki. „Ich bin stolz auf das, was Marvin geleistet hat“, sagt sein Kumpel, der jetzt in Dallas spielt und dieses Kompliment ist ehrlich gemeint.

„Es gibt kein vergleichbares Projekt im Profisport“, sagt Towers-Gesellschafter und Pressesprecher Jan Fischer. Das klingt unbescheiden, ist aber Realität. Vor zehn Jahren hatten Fischer, Willoughby und Ex-Profi Pascal Roller die Idee,irgendwann einen Bundesligaverein in Hamburg zu gründen. „Wir hatten viele tolle Erlebnisse in Sportvereinen, wir wollten selber was auf die Beine stellen“, so Fischer. Sie entschlossen sich mit dem Training von Kindern und Jugendlichen zu beginnen, weil „man eine funktionierende Basis braucht“.

2006 gründeten sie den Verein „Sport ohne Grenzen“, um etwas gegen den Mangel an Sportangeboten in sozial schwachen Stadtteilen zu tun. Sie wollten nach Wilhelmsburg, weil dort die meisten Jugendlichen in Hamburg wohnen und es dort noch keinen Basketballverein gab. „Wir wollten niemandem etwas wegnehmen“, sagt Willoughby. Er ist als Sohn einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters in Alt-Wilhelmsburg aufgewachsen. Mit seinen Kumpels in der Gesamtschule Wilhelmsburg gewann er die Hamburger Schulmeisterschaft. Auf dem Turnier wurde er von einem Trainer der Turnerschaft Harburg angesprochen, ob er nicht mal bei der TSH vorbeikommen wolle. „Wir sind dann mit fünf Jungs zum Training nach Harburg gefahren. Drei von uns sind dabei geblieben.“

Willoughby wechselte von der TSH zum SC Rist Wedel, für den er zwei Jahre in der 2. Bundesliga spielte. Anschließend vier Jahre Würzburg, Viola Reggio Calabria (Italien), EB Pau-Orthez (Frankreich) und Köln. Der 2,02 Meter große Willoughby war als Spieler ein Basketball-Idol. Nachdem ihn eine Knöchelverletzung zum Aufhören zwang machte er sein Diplom als Sport-Fachwirt und wurde Co-Trainer der deutschen U16-Nationalmannschaft.

Beste Voraussetzungen für die nächste Etappe des Bundesliga-Master-Plans: Als sich Sport ohne Grenzen etabliert hatte, gründeten Willoughby und seine Freunde vor fünf Jahren die Hamburg Pirates. Dort spielen die größten Nachwuchstalente der Stadt in der Jugend-Basketball-Bundesliga. Als ihr bester, Ismet Akpinar, im letzten Jahr als Spielmacher von Alba Berlin verpflichtet wurde, wussten sie, dass nun die Zeit für Bundesliga-Basketball in Hamburg gekommen war, um den Talenten eine adäquate Mannschaft bieten zu können. Zwei aus der U19 der Pirates
haben nun den Sprung ins Zweitliga-Team geschafft. Unter ihnen: René Kindzeka von der Veddel und Janis Stielow aus Wilhelmsburg. Die beiden 19-Jährigen werden bei den Towers von Hamed Attarbashi, 38, trainert. Er stammt aus Sasel und war zuletzt beim Bundesligateam in Bremerhaven für den Nachwuchs zuständig. „Wir wollten jemanden mit Hamburg-Bezug“, sagt Willoughby. Im Kader stehen ein Kanadier und ein US-Amerikaner, die anderen Teams haben wesentlich mehr US-Profis. Die Towers setzen sich in ihrer ersten Saison keine großen sportlichen Ziele, außer in der Liga bleiben zu wollen.

Ob Profi-Basketball in Hamburg langfristig eine Chance hat, kann trotz der
ermutigenden Zuschauerzahlen niemand sagen. Die Reaktionen aus der Wirtschaft sind zurückhaltend: Bislang konnten die Towers noch keinen Hauptsponsor präsentieren. In der Geschäftsstelle am Rande des Inselparks sitzen die Towers Gesellschafter in vielen Sitzungen zusammen, um die komplett neue Infrastruktur auf die Beine zu stellen. Da kann es passieren, dass zwischen Kartenverkäufen, Spieltagsorganisation und Fanbetreuung auch mal ein Termin vergessen wird, was die Verantwortlichen charmant ausbügeln. Abgehobenes Profigehabe ist ihre Sache nicht, was auch für die Spieler gilt, die auf den Pressterminen jede Frage geduldig zu beantworten pflegen.

In einigen Medienberichten wurde bereits auf das mögliche Spannungsfeld zwischen Sozialprojekt und dem Wirtschaftsunternehmen Hamburg Towers GmbH hingewiesen. Bei Willoughby klingt das so: „Anfangs haben wir mit ein paar Jungs einen Verein gegründet, jetzt stehen zweistellige Millionenbeträge im Raum.“ Die Ex-Profis Willoughby, Roller und Jan Fischer, der zuvor beim Vermarkter Upsolut gearbeitet hat, gehen die Sache nicht naiv an. „Es geht uns nicht darum, die Welt zu retten“, entgegnet Fischer denen, die glauben da seien Sozialromantiker am Werk. Das momentan spannendste Sportprojekt der Stadt sind die Hamburg Towers dennoch.

Wildcard
Im Frühjahr hatten sich die Towers für eine Startberechtigung („Wildcard“) in der zweiten Basketball-Bundesliga beworben und den Zuschlag bekommen. Ganz normal im Profi-Sport, wo der FC Bayern München innerhalb weniger Monate eine Profi-Abteilung aus dem Boden stampfte, die HSV Handballer den VfL Bad Schwartau in der Bundesliga beerbten und die Freezers aus München nach Hamburg umgesielt wurden, weil man in der gerade fertig gestellten Sporthalle im Volkspark einen
Eishockey-Bundesligisten brauchte. Die Hamburg Towers sind zwar auch auf dem Reißbrett, aber ursprünglich aus dem Sozialprojekt „Sport ohne Grenzen“ entstanden. Sie spielen in Wilhelmsburg und nicht in der o2 World, „die für uns drei Nummern zu groß ist“, so Willoughby. In der umgebauten ehemaligen igs-Blumenhalle finden 3.500 Zuschauer Platz.

Der Text ist im Januar 2015 in der SZENE Hamburg erschienen.

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