Bambule der 80er

Am 27. September 1982 eskalierte der Konflikt um die Hafenstraße, als die Polizei eine groß angelegte Razzia in den besetzten Häusern durchführte und damit die Stadt in zwei Lager spaltete. Matthias Greulich über den berühmtesten Häuserkampf des Landes

Oma Jäger aus der St. Pauli Hafenstraße zu vertreiben, ist weder den Nazis gelungen noch der Saga. „Sie hat hier in dieser Wohnung gewohnt“, sagt Claus Petersen, 64. Er hat Fotos auf dem Tisch ausgebreitet. Erster Stock, schöner Elbblick. In einem Haus, das schon vielen großkotzigen Plänen im Weg stand, um das jahrelang gekämpft wurde. Der drahtige Petersen, aufgewachsen in Flensburg, war einer der Hausbesetzer. Inzwischen lebt er in Oma Jägers Wohnung, die gestorben ist, bevor die Auseinandersetzung um die Hafenstraße die Stadt ab Mitte der Achtziger in zwei Lager spaltete.

1976 war Petersen in eine Studenten-WG am Hafenrand eingezogen. Frau Jäger zeigte ihrem neuen Nachbarn den Mietvertrag aus dem Jahre 1936. „Der war nur befristet“, so Petersen. Hitler wollte am Elbufer sein „neues Hamburg“ bauen. Nach dem Krieg verwaltete die städtische Saga das Gründerzeithaus, ab den Siebzigern wurde nichts mehr an den Wohnungen gemacht. Die insgesamt acht Häuser am Hafenrand wurden „ausgewohnt“, wie es im zynischen Hausverwalter-Deutsch hieß. Viele Wohnungen standen leer. Obdachlose machten dort Platte. Einige Altmieter wollten dennoch nicht weg. „Je mehr Oma Jäger über die Saga schimpfte, desto mehr freundeten wir uns mit ihr an“, so Petersen. Die Studenten halfen der St. Paulianerin, Feuerholz für ihren Kohleofen zu machen. Als ab Herbst 1981 innerhalb von drei, vier Monaten alle leeren Wohnungen besetzt wurden, hatte auch Oma Jäger einige von ihnen durch die Haustür reingelassen. „Die Leute kamen von überall her. Es lief über Mund-zu-Mund-Propaganda.“ Die Saga ließ die Studenten und Punks gewähren. Abgerissen würden die Häuser doch sowieso: Die Stadt verhandelte im Hintergrund bereits mit Tchibo sowie Gruner und Jahr, die ihren Firmensitz an die Elbe verlegen wollten. Bis zu 22 Geschosse erlaubte der Bebauungsplan.

In der Bundesrepublik litt die Wirtschaft unter der Ölkrise, in Hamburg berichteten die Tageszeitungen im Lokalteil über die Konflikte in der Stadt: „Das Ende von Altenwerder beschloßen. Das alte Fischerdorf muß der Hafenerweiterung weichen“ (Januar 1982). „Im Schanzenviertel verteilen Unbekannte Flugblätter: ,Schnöselpack raus! Schluß mit der Verkiezung und Verpöselung!‘ Sie besprühen das ,Pickenpack’ am Schulterblatt mit roter Farbe (April 1982). „80 Anrufer pro Tag beschweren sich beim Mieterverein zu Hamburg über ,horrende Mieterhöhungen’“ (Mai 1982). „40 Skinheads und 30 Punker gehen zwischen Spritzenplatz und Altonaer Bahnhof mit Holzlatten, Flaschen und Knüppeln aufeinander los“ (Juni 1982).

In der Hafenstraße wurden diese Konflikte am deutlichsten sichtbar. Waren anfangs meist junge Punks in die Häuser eingezogen, gab es nun verstärkt Zulauf von politisch Aktiven. Das Plenum der Hafenstraße wurde zum linksautonomen Zentrum der Stadt, das genau wusste, wie es die Pfeffersäcke im Senat herausfordern konnte. Während im übrigen Stadtgebiet alle besetzten Häuser innerhalb eines Tages geräumt wurden, kehrten die Besetzer in die Wohnungen jedes Mal wieder zurück. „Es war überhaupt keine Frage, dass es eine Revolution um diese Häuser geben wird. Die können das nicht dulden, dass eines der exorbitant teuersten Grundstücke der Stadt besetzt wird.“ Mit Kompromissen wollte man sich im Häuserkampf nicht abspeisen lassen: Alle Häuser oder nichts, war die riskante Strategie, die am Ende Erfolg hatte.

Hamburgs berühmtester Häuserkampf begann vor 30 Jahren zu eskalieren: Am Morgen des 27. September 1982 durchsuchte ein Großaufgebot von Polizisten die Wohnungen. Sie stellten Lappen, Flaschen, Behälter mit brennbaren Flüssigkeiten, Kerzen, Trichter und Handschuhe sicher. „Alles, was man zum Bau von ,Molotow-Cocktails’ braucht“, sagte ein Polizeisprecher. „Ein Vorwand“, sagt Claus Petersen. Die Besetzer wurden vom bürgerlichen Lager und dem rechten Flügel der SPD zum Feindbild der Stadt stilisiert – hier wohnte das Böse.

Als die SPD bei der Bürgerschaftswahl Ende 1982 die absolute Mehrheit holte, brauchte sie auf die hafenstraßenfreundliche GAL keine Rücksicht mehr zu nehmen. Der rechte SPD-Parteiflügel wollte räumen – und das möglichst bald. „Zu der Zeit war es fast wie Krieg. Es ging richtig ab. War immer die Angst vor der Räumung. Es gab immer Druck“, sagt Volker Ippig, damals Torwart des FC St. Pauli, der durch seine Zeit als Entwicklungshelfer in Nicaragua mit den Hafensträßlern in Kontakt kam und dort auch eine Weile lebte. Bei „Begehungen“ der Wohnungen sprühen Polizeibeamte mit Reizgas in Betten und Lebensmittel. Einmal flüchteten die Besetzer ins Gemeindezentrum der benachbarten St. Pauli-Kirche. Der dortiger Pastor Christian Arndt hatte zwischen Bewohnern und Senat vermittelt. „Unfassbar, mit welcher an Kriminalität grenzenden Energie damals versucht wurde, Menschen, deren Gesinnung einem nicht passte, wegzubekommen“, sagte Arndt später in einem Interview.

Die Sache mit der Räumung wollten schließlich rechte Hooligan-Kommandos aus ganz Deutschland in die Hand nehmen. Sie waren auf Auswärtsfahrt zum HSV oder FC St. Pauli und verbündeten sich nach Spielschluss mit rechten HSV-Hools. „Alle 14 Tage waren irgendwelche Nazis von irgendwelchen Städten da. Ich selbst war froh, dass die Polizei dazwischen gegangen ist“, so Petersen. Manchmal erlaubten sich die Beamten einen Spaß und ließen sich Zeit. „Aber pflichtbewusst mussten sie dann noch eingreifen.“ Häufig waren die Bewohner aber auch auf sich alleine gestellt, um die Angriffe der Hools abzuwehren. „Ich erinnere mich an eine brisante Situation, als der Mob bedenklich nah an die Häuser herankam. Wir saßen mit 20 Leuten auf der Balduintreppe. Uns war das Herz in die Hose gerutscht. In die Stille rief die Punkerin Martina, genannt Kellerassel, ,Ihr Feiglinge’. Wir sprangen auf und stürmten los. Der Mob wurde zurückgeschlagen. Zurück blieben Blessuren aber das Herz war wieder am rechten Platz. Es gibt dieses berühmte Gemälde von Eugène Delacroix ,Die Freiheit führt das Volk’. Die ,Venus aus der Gosse’, die den Aufstand anführt, macht der Assel alle Ehre.“

Auf Claus Petersens Wohnzimmertisch liegen Fotos mit Barrikaden aus Pflastersteinen. Im November 1987 verschärfte sich die Situation noch einmal. Vor fast 25 Jahren begannen die „Barrikadentage“. Mindestens 6.000 Polizisten standen rund 10.000 Unterstützern gegenüber. Die Häuser waren zu Festungen ausgebaut worden. Petersen erlebte in Oma Jägers 50-Quadratmeter-Wohnung einen unglaublichen Moment: Er schaute einfach nur auf die Hafenrandstraße. „Wir hatten die Fenster gesichert, aber es gab einen kleinen Spalt, durch den ich durchschauen konnte. Und da war alles friedlich“, sagt er und seine Stimme klingt immer noch etwas ungläubig. Er wusste: Der Belagerungszustand mit Hundertschaften aus verschiedenen Bundesländern war auch für die Stadt nicht lange aufrecht zu erhalten. In diesem Moment war sich Petersen sicher, dass die Staatsmacht die Häuser nicht räumen würde.

Und tatsächlich hatte im letzten Moment die Vernunft gesiegt: Bürgermeister Klaus von Dohnanyi bot den Bewohnern einen Pachtvertrag an, wenn sie die Barrikaden abbauten und bürgte für diese Lösung mit seinem Amt. Die Hafensträßler lenkten ein. Von Dohnanyi sagte später staatsmännisch, „dass die Stadt gezeigt hat, dass sie in schwierigen Lagen liberale Lösungen finden kann“. Die Auseinandersetzungen mit Dohnanyis Nachfolger Henning Voscherau, der die Pachtverträge kündigen ließ und durch alle Instanzen Räumungstitel gegen die Hafenstraße erwirkte, zogen sich bis 1995 hin. Erst dann gab Voscherau auf: Für zwei Millionen Mark verkaufte die Stadt die Häuser an die Bewohner, die eine Genossenschaft gegründet hatten. Claus Petersen zahlt seitdem Miete an die Genossenschaft „Alternativen am Elbufer”. Die Entscheidung, die Häuser zu kaufen hat er nach einiger Überlegungszeit mitgetragen: „Die Kampfphase war sehr hart. Man muss auch mal zur Ruhe kommen.“

Als politisches Symbol hat die Hafenstraße schon lange ausgedient. Inzwischen leben dort einige Jüngere, die den Häuserkampf nur noch aus Erzählungen kennen. Wichtige Entscheidungen werden zwar nach wie vor im Plenum getroffen, aber längst nicht jeder Bewohner lässt sich dort blicken. Die meisten Hafensträßler sind allerdings nach wie vor politisch aktiv, etwa in der „Recht auf Stadt“-Bewegung, bei der auch Claus Petersen mitarbeitet. „Es sind immer noch ähnliche Konflikte wie vor 30 Jahren. Die Netzwerke, die seinerzeit geholfen haben, Freiräume zu verteidigen, funktionieren immer noch“, sagt er.

Interview mit Klaus von Dohnanyi

Herr von Dohnanyi, wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass eine liberale Lösung für den Konflikt um die Hafenstraße gefunden wurde?
Klaus von Dohnanyi: Mir schien es damals auch aus sehr praktischen Gründen wichtig: Ein Häuserkampf hätte Verletzte oder sogar Tote bringen können. Der liberale Ansatz hatte deswegen sowohl Vorbildcharakter und war auch gute politische Praxis.

Wann kamen Sie im Jahre 1987 zu der Einsicht, den Besetzern eine vertragliche Lösung anzubieten?
Für den Vertragsweg hatte der Senat Vorbilder, insbesondere Richard von Weizsäckers Umgang mit Hausbesetzern als Berlins Regierender Bürgermeister.

In einigen Interviews zum 25-jährigen Jubiläum der Besetzung haben Sie gesagt, dass Sie enttäuscht seien, wie wenig die Bewohner aus den Häusern gemacht hätten. Sind Sie immer noch dieser Meinung?
Ich finde, dass so viele Jahre noch der Übernahme der Verantwortung durch die Bewohner eine fleißigere Instandsetzung zu erwarten gewesen wäre.

Hafenstraße 1989
Hafenstraße 1989

CHRONIK
1981: Studenten und Autonome ziehen in die teilweise leer stehenden Häuser ein.
1982: Im Frühjahr hängen die Transparent an die Häuserwand: „Ein Wohnhaus ist kein Abrisshaus!“. Die Saga lässt im Sommer Fenster zumauern, die Bewohner vermauern im Gegenzug Fenster der Saga-Zentrale in Altona.
1983: Besetzer und Saga schließen Mietverträge über drei Jahre ab.
1986: 12.000 Menschen demonstrieren nach Ablauf der Mietverträge für den Erhalt der Gebäude.
1987: Bürgermeister von Dohnanyi bürgt mit seinem Amt für die Durchsetzung eines Pachtvertrages und fordert als Bedingung die Räumung von Barrikaden.
1988: Klaus von Dohnanyi tritt zurück, sein Nachfolger wird Henning Voscherau, der versucht, das Projekt Hafenstraße gerichtlich zu beenden.
1994: Bürgermeister Voscherau bietet eine vertragliche Lösung an, sofern die Hafenstraße den Bau von 55 Sozialwohnungen auf angrenzenden Freiflächen akzeptiert.
1995: Die Stadt verkauft die Häuser für rund zwei Millionen Mark an die neu gegründete Genossenschaft „Alternativen am Elbufer“.

Der Text ist im August 2012 in der SZENE Hamburg erschienen

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